Stadt München: Auftrag für „Paulchen-Panther-Graffito“ in Nähe von NSU-Tatort

Wem auch immer diese Idee mit tatsächlicher Umsetzung eingefallen ist, der sollte schleunigst seinen Schreibtischstuhl räumen, eine weiße Farbrolle zur Hand nehmen und dieses Graffito – wie schon bei der eigentlichen Ausführung im Auftrag der Stadt München – in mühevoller Kleinarbeit bis zur Unkenntlichkeit übermalen.

Quelle: "Schlamassel Muc" Paulchen-Panther

Quelle: „Schlamassel Muc“ Paulchen-Panther

Reicht das Geschichtsgedächtnis der dafür verantwortlichen städtischen Mitarbeiter tatsächlich nur vom Frühstück bis zum Mittagessen? Oder wie lässt sich erklären, dass etwa 7,5 Jahre nach der sogenannten Selbstenttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) ein mehrere Meter hohes „Paulchen-Panther“-Symbol nur wenige hundert Meter neben einem NSU-Tatort an die Wand gepinselt wurde? Zur Erinnerung: An diesem Tatort wurde vor etwa 14 Jahren ein Mensch aufs Brutalste erschossen – mutmaßlich durch den NSU. DIE identitätsstiftende Figur ist eben dieser Paulchen-Panther, den viele noch aus ihrer Kinderzeit lieben und nun zur angstbesetzten „Unperson“ mutierte. Diese Figur in dieser Größe an eine Hauswand zu malen, verhöhnt alle Opfer, Angehörige und alle, die sich mit dem Thema NSU und Rechtsradikalismus beschäftigen. Wer denkt, dass es peinlicher nicht mehr geht: Praktisch alle Ermittlungsbemühungen, die NSU-Mordserie aufzuklären, wie Behörden, Verfassungsschutz, Polizei und wer auch da sonst noch involviert war, glänzten über Jahre hinweg durch absolute Unfähigkeit, Vertuschung und sogar rechtsextreme Tendenzen innerhalb der Ermittlungsbehörden. Im direkten Vergleich ist das Drama, welches das Anbringen der nur aus unmittelbarer Nähe lesbaren sehr (!) kleinen Tafeln, die zur Mahnung an den Münchner Tatorten ausgelöst hatte, ein einziger Witz. Und zwar ein ganz schlechter. Entweder reagierte die „öffentliche Meinung“ wie erwartet, nämlich von gar nicht, über Sarkasmus, bis hin zu rassistischen Äußerungen. Es hat sich seit dem NSU nichts geändert. Im Gegenteil, es ist alles nur noch schlimmer geworden. Stichwort: Todeslisten. (jpo)

Ausführlicher Text in Langfassung bei Schlamassel Muc >>>

Rechtsextremistisch motivierter Totschlag in Kaufbeuren: Ignorieren, verharmlosen, abwiegeln.

Mindestens seit dem 15. Jahrhundert findet in Kaufbeuren jedes Jahr im Juli das Tänzelfest statt. Beim Tänzelfest spielen seit jeher die Kinder die Hauptrolle, es ist heute das älteste Kinderfest Bayerns.

In der Nacht zum Donnerstag, den 18. Juli 2013 wurde ein Kaufbeurer auf dem Tänzelfestgelände durch einen oder mehrere Faustschläge so schwer verletzt, dass er kurze Zeit später im Klinikum Kaufbeuren verstarb. Beim Opfer handelt es sich um einen aus Kasachstan stammenden 34-jährigen Kaufbeurer.

Gedenkkranz "In tiefer Trauer - Stadt Kaufbeuren" Foto: J. Pohl (23.07.13)

Gedenkkranz „In tiefer Trauer – Stadt Kaufbeuren“ Foto: J. Pohl (23.07.13)

Als dringend tatverdächtig gelten zwei Männer aus dem thüringischen Meiningen. Aufgrund von Zeugenbeschreibungen konnten der mutmaßliche Haupttäter F.H. (36) und M.V. (22) als Mittäter festgenommen werden. (Anm.: Beide Namen sind dem Autor bekannt.) Offenbar ist M.V. bereits wieder auf freiem Fuß, F.H. befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft.

Der mit 34 Jahren verstorbene Kaufbeurer hinterlässt eine Ehefrau und zwei Kinder – sechs und zehn Jahre alt. 

Auf die genaue Beschreibung der Tat verzichte ich und verweise auf die Berichterstattung der Presse. 

Ignorieren, verharmlosen, abwiegeln.

Bedenklich dagegen ist wieder einmal der Umgang mit Gewalt aus der Neonazi-Szene. Ignorieren, verharmlosen, abwiegeln. Das übliche Verhaltensmuster nach Gewalttaten aus der rechtsextremen Szene. Diesmal in Kaufbeuren, etwa 7 Kilometer von meinem Wohnort entfernt.

Motivation: Rechtsextremismus. Die Beweise sind nun erdrückend.

Erst als das Offensichtliche nicht mehr unter der Decke gehalten werden konnte, reagieren Polizei, Veranstalter und Bürgermeister. Die „Augsburger Allgemeine“ vom 22. Juli 2013 zitiert den Oberbürgermeister von Kaufbeuren Stefan Bosse (CSU). So hätten sich am Montag, den 22.07. etwa 600 bis 700 Personen zu einem Schweigemarsch zu einem Mahnmal gegen rechte Gewalt aufgemacht, um an den getöteten Kaufbeurer zu gedenken. Im gleichen Artikel titelt die Zeitung:

„Fiel der junge Kasache einem rechtsradikalen Schläger zum Opfer?“

Im ganz anderen Tenor die gleiche Zeitung zur gleichen Tat am 19. Juli 2013:

Laut Polizeisprecher Jürgen Krautwald muss die Kripo Kaufbeuren zunächst die Ursache der Schlägerei, den Hergang sowie die Anzahl und Rollen der Beteiligten klären. Auch Angaben zum Alter und zur Herkunft der Festgenommenen will sie erst machen, wenn der Tatverdacht im Laufe der Ermittlungen bestätigt ist. „Das sind ermittlungstaktische Gründe“, sagt Krautwald. „Zudem handelt es sich um einen schwierigen und außergewöhnlichen Fall, weil es so viele Beteiligte gab.“

Zu diesem Zeitpunkt muss zumindest der Polizei bekannt gewesen sein, dass es sich bei den beiden festgenommenen um aktive, gewaltbereite Neonazis handelt. Wieder titelt die „Augsburger Allgemeine“ am 20. Juli 2013 zum gleichen Fall:

Ein 36-Jähriger aus Thüringen soll in Kaufbeuren zugeschlagen haben. Er hat nach Angaben der Polizei bereits mehrere rechtsradikal motivierte Taten begangen.[…]

Im vergangenen Jahr war der Mann während eines Volksfestes in einem Bierzelt mit einem DJ aneinandergeraten, nachdem er „Heil Hitler“ gerufen und den Arm zum Hitlergruß gereckt hatte.

Einblick in die Weltanschauung eines gewaltbereiten Neonazis.

Einen Einblick in die wirre Gedankenwelt eines zur äußersten Gewalt bereiten Neonazi zeigen folgende Screenshots der Facebook-Seite des 22-Jährigen mutmaßlichen Mittäter M.V. aus Meiningen:

(Anmerkung: Einige Screenshots sind verpixelt, um eine Weitergabe nicht zu ermöglichen.)

Facebook-Profil: Aktivitäten - Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Aktivitäten – Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Interessen - Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Interessen – Screenshot v. 24.07.13

Paulchen Panther: Jetzt als Symbol für den NSU missbraucht. Screenshot v. 24.07.13

Paulchen Panther: Jetzt als Symbol für den NSU missbraucht. Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Screenshot v. 24.07.13

Facebook-Profil: Interessen – Screenshot v. 24.07.13

Es wäre müßig, weitere Beweise auf frühe Erkenntnisse zur Verwicklung der rechtsradikalen Szene zum Totschlag auf dem Tänzelfestgelände zu liefern. Mindestens während der ersten polizeilichen Ermittlungen und in der frühen Berichterstattung ist die seit Jahrzehnten erlernte Einstellung gegen gewaltbereite Neonazis wieder einmal mehr als deutlich zu erkennen.

Während ich diese Zeilen schreibe, beginnen in München am Oberlandesgericht die Vorbereitungen zum 27. Prozesstag zur Aufarbeitung der NSU-Mordserie. Ich bin seit Anfang an als Prozessbeobachter dabei und berichte jedenfalls so oft es mein Beruf zulässt darüber. „Das hier“ – und deutet dabei auf den Gullideckel neben dem Gedenkkranz (der Tatort) – „in Kaufbeuren ist mit den Umständen und den Morden des NSU nicht zu vergleichen.“ Mit dieser Bemerkung hat mich gestern ein netter, älterer Herr angesprochen, als er mich gestern beim Fotografieren auf dem Tänzelfestgelände beobachtet hat.

Gedenkkranz neben dem Gullideckel. Foto: J. Pohl (23.0713)

Gedenkkranz neben dem Gullideckel. Foto: J. Pohl (23.0713)

„Es ist genau das Gleiche, eben diesmal in Kaufbeuren,“ antworte ich dem netten, älteren Herrn. Es stehen inzwischen mehrere Passanten mit einer ähnlichen Meinung um mich herum. Ich packe meine Kamera ein und verlasse diesen Ort. Ich will mit diesen Menschen nichts zu tun haben. 

Link zur Spendenaktion des Allgäuer Hilfsfonds:

Trauerfall Tänzelfest“ – Kaufbeuren startet Spendenaktion